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Schon
die Fundumstände des Grabes von Anderlingen waren unglücklich: Der einst mehr als zwei
Meter hohe Grabhügel mit einem ehemals umgebenden Steinkranz und einem Durchmesser von 25
m wurde im Oktober 1907 von Bauern angegraben, um den darin enthaltenen feinen Sand und
die großen Steine als Baumaterial zu nutzen. In der Mitte des großen Hügels stieß man
auf einen "Steinhaufen", bestehend aus "doppelkopfgroßen" Steinen,
die zerschlagen wurden. Nachdem schon zwei Tongefäße gefunden worden waren, in denen
sich angeblich Knochen befunden hatten, stieß man, als der Hügel bereits zu etwa drei
Vierteln abgetragen war, am Südostrand des Hügels auf eine "mannslange Gruft aus
groben Steinplatten". Am 21. Oktober 1907 wurde das Grab von dem Sammler
Müller-Brauel geleert, der auch die Urnen erwarb. Zufällig erfuhr der Besitzer des
Grabhügels im Winter, daß auf dem südlichen Abschlußstein der Steinkiste drei
menschliche Figuren zu sehen sein sollten. Dieser Mitteilung wurde zunächst nicht
geglaubt, und erst am 28. Januar reinigte Müller-Brauel den Stein vom Sand und konnte die
Aussage bestätigen. Sogleich machte er dem Besitzer des Grabhügels ein Angebot zum
Ankauf der Steinkammer. Eine amtliche Meldung gelangte durch den Landrat des damaligen
Kreises Bremervörde an die Direktion des Provinzial-Museums zu Hannover, woraufhin sofort
am 20. Januar 1908 eine Nachuntersuchung der Fundstelle durch Dr. H. Hahne vorgenommen
wurde. Er stellte dann fest (1908, 18), daß "ganz zweifellos Spuren von frischen
Beklopfungen, besonders an der mittleren und rechten, weniger an der linken Figur"
vorliegen, und weiter: "Durch diese Nachbearbeitung ist die Darstellung
stellenweise gestört und Konturen wie Einzelheiten unklar geworden." Dieser
früh geäußerte Verdacht, daß an dem Stein nachträglich manipuliert wurde, konnte nie
ganz ausgeräumt werden und führte zu verschiedenen Interpretationen (vgl. REDLICH 1963,
34 f., besonders Anmerkung 16, ASMUS 1990/91, 211 f. EVERS 1981, 103 f.).
Die Kammer aus Granitplatten war
nordwestlich-südöstlich ausgerichtet und hatte die lichten Maße von 2,0 x 0,7 m. Von
der darin befindlichen Körperbestattung hatten sich nur wenige Knochenreste erhalten. Auf
der Innenseite des südlichen Abschlußsteines sind szenische Darstellungen in der Manier
skandinavischer Fels- und Grabsteinritzungen zu sehen, die einzig in Deutschland sind.
Nach den Beigaben zu urteilen - einem Bronzedolch, einer zweiteiligen Rundkopffibel mit
gedrehtem Bügel und einem nordischen Absatzbeil - war hier in der älteren Bronzezeit
(Frühphase Periode II nach Mentelius) ein Mann prunkvoll bestattet worden.
Aber auch weiterhin stand das Grab unter
keinem "glücklichem Stern": Das vollständige Grab sowie die Beigaben und
früher gemachte Einzelfunde wurden noch im selben Jahr vom Provinzial-Museum zu Hannover
angekauft und die Steinkiste, außer dem Original des südlichen Abschlußsteines, aber
mit den östlich anschließenden Steinsetzungen, im Hof des Museums wieder aufgebaut. Im
Jahre 1975 wurde das Steinkistengrab für die Ausstellung "Das neue Bild der alten
Welt - Archäologische Bodendenkmalpflege und archäologische Ausgrabungen in der
Bundesrepublik Deutschland von 1945-1975" nach Köln ausgeliehen. Danach wurde es
wieder im Hof aufgebaut, wo es so bis 1986 verblieb. Die Umbauarbeiten für den Glasanbau
der Völkerkundeabteilung des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover erforderten den
Abbau des Grabes, und als Übergangslösung wurde beschlossen, es zunächst als
Steinhaufen im Hof zu lagern. Gleichzeitig wurde der Plan gefaßt, einen archäologischen
Wanderpfad im Maschpark anzulegen. Aber dieses Vorhaben konnte leider nie realisiert
werden.
Nun waren die umfangreichen
Restaurierungsarbeiten am Niedersächsischen Landesmuseum erneut Anlaß zu überlegen, was
mit dem Grab geschehen sollte, da der Hof des Museums ganz neu gestaltet und der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. In Anlehnung an die vor mehr als zehn Jahren
gefaßten Überlegungen wurde nun das Steinkistengrab von Anderlingen im Maschpark mit
einer gepflasterten Zuwegung und einer Texttafel aufgebaut. Somit hat das Grab von
Anderlingen einen der Öffentlichkeit zugänglichen und endgültigen Platz erhalten.
Literatur
EVERS, Dietrich 1981: Neue Bildelemente am
Stein von Anderlingen. Archäologisches Korrespondenzblatt 11, 105-107.
HAHNE, Hans 1908: Bericht über die Ausgrabung eines Hügels bei Anderlingen, Kreis
Bremervörde, Jahrbuch des Provinzial-Museums zu Hannover 1907/1908, 13-23.
REDLICH, Clara 1963: Der "Dreigötterstein" von Anderlingen, Kreis Bremervörde.
Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 32, 1963, 34-40.
TEMPEL, Wolfgang 1975: Bronzezeitliches Steinkistengrab mit Bildstein aus Anderlingen, Kr.
Bremervörde. Kölner Römer-Illustrierte 2/1975, 64-65.
WEGNER, Günter 1996: Zeugnisse für Religion und Kult. In: Günter Wegner (Hrsg.),
Leben-Glauben-Sterben vor 3000 Jahren. Bronzezeit in Niedersachsen. Eine niedersächsische
Ausstellung zur Bronzezeit-Kampagne des Europarates. Oldenburg 1996, 195-218.

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