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II. Die römische Kaiserzeit (bis ca. 375 n. Chr.)

In der vorrömischen Eisenzeit haben sich aus den verschiedenen Siedlungsgruppen in Mittel- und Nordeuropa die germanischen Stämme herausgebildet.

Als in den Jahren 59 bis 51 v. Chr. Julius Cäsar Gallien eroberte und die römische Reichsgrenze bis an den Rhein vorschob, tritt eine grundlegende Änderung im nordwestlichen Mitteleuropa ein: Römer und Germanen werden Nachbarn.

Intensive wirtschaftliche und kulturelle Kontakte wirken besonders auf die Lebensweise der germanischen Stämme befruchtend ein und beeinflussen deren gesellschaftliche Entwicklung: Die nachchristlichen Jahrhunderte werden daher auch in Germanien als "Römische Kaiserzeit" bezeichnet.

Rom und das "freie" Germanien

Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen bestimmten die Lage in den Jahrzehnten um Chr. Geb. im nordwestdeutschen Raum. Unruhen in Germanien, wirtschaftliche Interessen und die Absicht, die ungünstige Reichsgrenze am Rhein zu verkürzen, veranlassten Kaiser Augustus, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe dem Imperium einzuverleiben.

Vor allem die Einführung römischen Rechts und die Ausbeutung durch Steuern schürten den Willen nach Freiheit und Unabhängigkeit. Arminius, ein cheruskischer Adeliger, einte die Stämme zwischen Rhein und Weser und vernichtete drei römische Legionen im Jahre 9 n. Chr. Der genaue Ort der Schlacht, "nicht weit vom Teutoburger Wald", war bis in unsere Zeit unbekannt. Ausgrabungen seit 1989 zwischen Kalkrieser Berg und dem Großen Moor bei Bramsche erbrachten so viele einschlägige Funde und Befunde, dass der Platz der Auseinandersetzung als lokalisiert gelten kann.

Germanien bleibt hinfort frei von römischer Besetzung. Rhein und Donau bilden für Jahrhunderte die Grenzen zwischen Römischem Reich und "freiem" Germanien.
 

Totenkult und Bestattungssitten

Vorherrschende Bestattungsform bleibt weiterhin die Verbrennung der Toten und die Beisetzung des Leichenbrandes in Urnengräbern oder in Brandgrubengräbern (die Reste des Scheiterhaufens werden mit Leichenbrand und Beigaben in einfache Erdgruben gefüllt).

Vereinzelt treten jetzt Körpergräber auf. Besonders die Oberschicht scheint diese Bestattungsform bevorzugt zu haben.
 

Hausbau und Siedlung

Die wirtschaftlichen Grundlagen - Ackerbau und Viehhaltung - bestimmen auch weiterhin das Aussehen der dörflichen Ansiedlungen. Kernstücke sind die mit Zäunen umgebenen Wirtschaftsbetriebe mit dem Wohn-Stall-Haus, den auf Pfählen stehenden Speichern und den Nebengebäuden (Grubenhäuser für handwerkliche Tätigkeiten).

Für die Forschung besonders bedeutsam sind die Wohnhügel (Wurten) der südlichen Nordseeküste. Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. hatte man vor dem langsamen, aber ständigen Anstieg des Meeresspiegels kleine Wohnhügel aus Marschenton und Mist aufgeschüttet und diese immer wieder erhöht. In den aufgetragenen Schichten hat sich besonders alles organische Material ausgezeichnet erhalten: Hausgrundrisse mit Pfosten, Flechtwerk- und Bohlenwänden sowie hölzerne Gerätschaften, Knochen, Leder, Textilien, Samen und Früchte.

Am besten untersucht ist die Feddersen Wierde, die vom 1. Jahrhundert vor bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. besiedelt war, ihre größte Ausdehnung im 3. Jahrhundert fand, 26 Gehöfte umfasste und etwa 300 Einwohner und 450 Stück Großvieh zählte.

Seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. läßt sich auf der Feddersen Wierde sehr gut die Herausbildung eines "Herrenhofes" verfolgen, dessen Besitzer wohl eine führende Rolle in der Gemeinschaft gespielt hat.
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Soziale Gliederung - "Fürstengräber"

Die allmähliche Differenzierung im Aufbau der germanischen Gesellschaft wurde durch wirtschaftliche Änderungen verursacht. Allerdings war auch früh schon der Kontakt mit dem römischen Reich von großer Wichtigkeit.

Der Aufbau der Gesellschaft spiegelt sich in seinen Grundzügen in den zeitgenössischen Siedlungstypen wieder, wie es z. B. die Herausbildung von Herrenhöfen zeigt. Er findet aber auch im Bestattungsbrauch seinen Niederschlag. Besonders herausgehoben in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. sind reiche Gräber, die nach dem pommerschen Fundort Lübsow benannt werden. Typische Merkmale dieser Gräber sind:

  • Sie liegen einzeln oder in kleinen Gruppen abseits der großen Friedhöfe.
  • Es handelt sich vorwiegend um Körpergräber.
  • Sie zeichnen sich durch aufwendigen Grabbau und durch reiche Beigaben aus.
  • Die Männergräber enthalten keine Waffen, häufig aber Reitzeug.
  • Unter den Beigaben sind besonders importierte römische Gefäße aus Bronze, Silber und Glas sowie Edelmetallschmuck.

Nicht nur ihr Reichtum, sondern auch ihre soziale Stellung hebt die Toten dieser Gräber aus der übrigen Bevölkerung heraus. Sie waren als "Adelige" oder "Fürsten" von der Masse des Volkes deutlich abgesondert. Römische Trinkservices und römisches Essgeschirr zeigen, dass die Bestatteten in ihren Lebensgewohnheiten stark vom römischen Adel beeinflusst waren. Doch enthielten die Gräber auch einheimische Trinkhörner mit großem Volumen.In diese Gruppe der "Fürstengräber" gehört auch Grab II von Marwedel, Ldkr. Lüchow-Dannenberg, aus der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.
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Römischer Import

Unter der Bezeichnung "Römischer  Import" fasst man Gegenstände zusammen, die aus Italien oder den römischen Provinzen ins freie Germanien gelangt sind.

"Import" ist ein Sammelbegriff und bezeichnet nicht in jedem Fall Handelsgut, wenngleich echter Handel zwischen Römern und Germanen eine sehr wichtige Rolle spielte und schriftlich überliefert ist. Dennoch ist viel Römisches wohl auch auf andere Weise ins Land gekommen:

  • Germanische Söldner haben nach Beendigung ihres Dienstes im römischen Heer Teile ihres Soldes und andere Gegenstände mit in die Heimat genommen.
  • Germanische Stämme haben von ihren Kriegszügen gegen die römischen Provinzen reiche Beute mitgebracht.
  • Wertsachen (z. B. Silberbecher, Goldmedaillons) waren als Geschenke oder Tributzahlungen an germanische Heerführer beliebt.

Bereits in vorrömischer Zeit gab es umfangreiche Importe aus dem Gebiet der keltischen Latène-Kultur, vor allem aus den Werkstätten der stadtähnlichen Oppida.

Noch häufiger wurde die Einfuhr römischer Erzeugnisse seit der Zeit des Kaisers Augustus. Zunächst erreichte das Einfuhrgut Germanien hauptsächlich aus dem Südosten. Aus Aquileia und besonders aus Carnuntum wurden italiensche, norische und pannonische Waren importiert. Über Mähren und Böhmen gelangten sie nach Mittel- und Norddeutschland sowie ins Oder- und Weichselgebiet.

Später nahm auch die Einfuhr aus dem Westen zu. Erzeugnisse aus den germanischen und gallischen Provinzen des römischen Reiches erreichten West-, Mittel- und Norddeutschland sowie Dänemark und das südliche Skandinavien. Die Funde selbst, aber auch die Angaben römischer Autoren lassen auf ein umfangreiches Warensortiment schließen. Die zutage getretenen Funde geben den ursprünglichen Bestand nur lückenhaft wieder. Das liegt an den Erhaltungsbedingungen im Boden und an der Art ihrer Niederlegung: Importgegenstände werden häufiger in Gräbern als in Siedlungen angetroffen.

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Römische Bronze- und Silbergefäße eines Trinkservices aus dem "Fürstengrab II" von Marwedel, Ldkr. Lüchow-Dannenberg.

Die wichtigsten Gruppen von Importwaren sind:

  • Gefäße aus Metall (Bronze und Messing, seltener Silber),
  • Gefäße aus Glas und Ton, besonders Terra-sigillata,
  • Schmuck (Fibeln, Arm- und Fingerringe),
  • Bronzestatuetten,
  • Münzen.
     

Die Moorleichen

Menschliche Überreste sind hauptsächlich in den Jahrhunderten um Christi Geburt in Moore gelangt. Sie stammen hauptsächlich aus dem Gebiet, das römische Autoren zu dieser Zeit den Germanen zuweisen. Bislang sind mehrere Hundert Moorleichen bekannt geworden.

Der Erhaltungszustand der Körper ist sehr unterschiedlich. Fast immer hat sich die Haut erhalten, meist auch das Haar. Die Weichteile und das Skelett hingegen sind oft auch vergangen.

Menschliche Körper sind aus verschiedenen Gründen ins Moor geraten. Sie konnten im Moor verunglücken und versinken, sie konnten aber auch als Opfer von Verbrechen im Moor versteckt werden.

An zahlreichen Moorleichen aus germanischer Zeit ist aber zu erkennen, dass sie nach einem bestimmten Ritus getötet wurden. Ihr Zustand erinnert daran, wie der römische Autor Tacitus (ca. 55 bis 120 n. Chr.) bei den Germanen den Vollzug der Todesstrafe für bestimmte Verbrechen schildert.

Bei Kindern und jungen Mädchen jedoch kann man sich kaum derartig schwerwiegende Verbrechen vorstellen. Daher werden sie eher als Menschenopfer angesehen.

Im Einzelfall ist kaum zu entscheiden, ob die gewaltsame Tötung als Todesstrafe oder als die Opferung eines Menschen erfolgte.
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Die Moorleiche von Neu-Versen, Ldkr. Emsland
 (Der "Rote Franz")

Es handelt sich um den Leichnam eines erwachsenen Mannes, der im November 1900 beim Torfstechen im Bourtanger Moor im Emsland gefunden wurde.

An Kopf und Rumpf sind Weichteile und die Haut teilweise erhalten, auch Kinn-, Lippen- und Backenbart sowie Kopf- und Schamhaare.

Gut lässt sich noch die Haartracht des Mannes erkennen: Auf der Oberlippe trug er ein Bärtchen, Kinn und Wangen sind dicht mit starken, kurzen Stoppeln bedeckt.

Die Haare an den Seiten des Hinterkopfes sind gleichmäßig kurz geschoren. Die Kopfmitte scheint recht dünn behaart gewesen zu sein. Die Haare der Stirngegend und der Schläfen sind zwischen 11 und 20 cm lang.

Der Tote war unbekleidet. Die Leiche wurde nach der Auffindung mumienartig getrocknet, daher ist die Kopfhaut stark geschrumpft. Die Zähne fehlen teilweise, sie scheinen bei der Bergung verloren gegangen zu sein.

Nacktheit und Lage des Körpers deuten auf gewaltsame Versenkung eines Lebenden. Aus dem Funde selbst ist allerdings kein sicherer Anhaltspunkt zu entnehmen, ebenso wenig aber auch dafür, dass es sich um die Bestattung eines Toten handelt.

Das Moorwasser färbte das Haar des Mannes rotbraun. Deshalb gab man ihm nach seiner Auffindung den Namen "Roter Franz". Dieser Name ist ihm bis heute erhalten geblieben.

Nach neuesten Radio-Karbon-Messungen einer Haarprobe hat der Rote Franz im 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. gelebt (1730 ± 50 BP = 252±388 n. Chr.).
 

Stammesverhältnisse

In den Jahrhunderten nach Chr. siedelten auf dem Boden des heutigen Niedersachsen die Chauken im Bereich der Nordseeküste, die Angrivarier an der mittleren Weser, die Langobarden an der unteren Elbe, die Cherusker im Weserbergland und die Chasuarier und Ampsivarier zwischen Weser und Ems. Sie wachsen seit dem 3. Jahrhundert zum Stammesverband der Sachsen zusammen.

Günter Wegner

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