Zwei umgearbeitete Flintdolche ...
Über die Nutzung von Beilen solch
geringer Größe ist wenig bekannt. Schäftungen konnten bisher noch
nicht nachgewiesen werden. Zum Fällen von Bäumen sind sie nicht
geeignet, lediglich das Abtrennen von kleinen Ästen könnte mit ihnen
vorgenommen worden sein. Dann wäre eine Parallelschäftung wahrscheinlich. Da diese Arbeit
außer auch mit den großen Beilen, die
zum Fällen der Bäume benutzt wurden, verrichtet werden konnte, ist
es nicht einsichtig, dass dafür ein weiteres Gerät mitgenommen
wurde. Viel eher scheinen diese kleinen Geräte in der Art eines
Stechbeitels in der Holzbearbeitung verwendet worden zu sein. Darauf
deuten auch die Gebrauchsspuren im Nackenbereich der Geräte hin. Da
die Erhaltungsbedingungen für Holz im allgemeinen sehr schlecht sind,
kann nur vermutet werden, welche Gegenstände man aus diesem Werkstoff
angefertigt haben könnte. Möglich wäre die Herstellung von
Holzgefäßen, die man wahrscheinlich mit Stechbeiteln aushöhlte. Da
in der mitteldeutschen Schnurkeramik Holzgefäße belegt sind, ist ihr
Vorkommen in der Einzelgrabkultur durchaus denkbar (Strahl 1990, 207).
Auch aus der Schnurkeramik der Schweiz sind eine ganze Reihe von
Holzgefäßen bekannt (Winiger 1981, 194ff.; 196f. Abb. 7).
Vielleicht wurden diese kleinen Geräte auch beim Hausbau verwendet,
um mit ihnen Nuten auszuarbeiten. Auch eine Verzierung der Hauspfosten
ist nicht völlig ausgeschlossen. Für das Artefakt aus Bennigsen ist
eine Schäftung eher unwahrscheinlich, da es seine größte Dicke am
Nacken hat und zur Gerätemitte hin deutlich schmaler wird. Auch die
Gebrauchsspuren auf dem Nacken deuten auf eine ungeschäftete Nutzung
hin. Das Gerät aus Sasendorf ist dagegen viel dünner und weist auch
nicht diese starken Gebrauchsspuren auf, so dass letztlich nicht
geklärt werden kann, ob es geschäftet war oder nicht. Aufgrund der
wahrscheinlichen Nutzung dieser Artefakte scheint es sinnvoller, sie
als Stechbeitel anzusprechen und die Bezeichnung
"Flint-Ovalbeile" zu vermeiden.
Die beiden Artefakte
zeigen sehr anschaulich, wie sorgsam man mit dem Werkstoff Flint
umging, obwohl er in den Bereichen der Fundstellen relativ leicht z.
B. aus den Schottern von Flüssen zu beschaffen war. Bennigsen liegt
nur ungefähr 10 km von der Leine entfernt und auch Sasendorf
befindet sich in der Nähe eines Flusses, der Ilmenau. Die
Entfernung beträgt ungefähr 2 km. Obwohl die Herstellung so
kleiner Geräte, wie sie hier vorliegen, keinen großen Zeitaufwand
erforderte, nutzte man vorhandene, nicht mehr funktionsfähige
Geräte, um diese umzuarbeiten. Die aufwendige Arbeit des Zurichtens
durch Retuschen, bei der die Grundformen leicht zerbrachen, konnte
man sich ersparen, einzig das Anlegen der Schneide und ein leichter
Schliff der Oberfläche waren noch notwendig.
Wahrscheinlich stellen
aber auch gerade Flintdolche einen gewissen Wert dar. Es handelte
sich schließlich um ganz besondere Stücke, die sicher nicht jeder
Mensch der damaligen Zeit herstellen konnte. Man muss davon
ausgehen, dass hier Spezialisten am Werk waren. Außerdem ist das
Rohmaterial für Flintdolche in Moränen und Schottern zwar
vorhanden, jedoch wird es mit zunehmender Entfernung von der
Ostseeküste immer kleiner. Ferner sind viele Rohstücke durch den
Gletscher- und Flusstransport zerrüttet und nicht mehr zu
gebrauchen. Daher war die Beschaffung großer, qualitätsvoller
Stücke, wie sie für die Herstellung von Flintdolchen notwendig
waren, nicht immer einfach. Möglicherweise wurde das Rohmaterial
oder das Fertigprodukt aus Gebieten eingehandelt, in denen mehr und
bessere Rohstücke zur Verfügung standen. Dies alles machte die
Flintdolche so wertvoll, dass, wenn sie zerbrachen oder überhaupt
unbrauchbar wurden, selbst kleine Fragmente noch genutzt wurden, um
aus ihnen andere Geräte zu fertigen.
Sehr anschaulich hat
schon Paulsen (1996, 78ff.) am schleswig-holsteinischen Material
gezeigt, dass Recyceln und Reparieren in vorgeschichtlicher Zeit
nicht ungewöhnlich waren. Es gibt genügend Beispiele, wie gerade
auch Flintdolche zum Teil notdürftig repariert wurden oder aber,
wenn dies nicht mehr möglich war, andere Geräte, z. B. Meißel,
Beile oder Feuerschlagsteine, aus ihnen hergestellt wurden (Lomborg
1973, 23ff.; 24 Fig. 5; Kühn 1979, 40; Taf. 19,4;
Paulsen 1996, 82
Abb. 2,3-5,10). Lomborg (1973, 23) führt für Dänemark an, dass
die aus Dolchen gefertigten Beile meist ins Spätneolithikum
gehören, da als Grundformen oft Vorarbeiten oder fertige Dolche
seiner Typen I und II verwendet wurden, die in diese Zeit datieren.
Da die Unterscheidung zwischen kleinen Beilen und Meißeln, oder
besser Stechbeiteln, oft nicht eindeutig ist, kann dies wohl in den
meisten Fällen auch für letztere gelten.
Sicher ließen sich bei genauer
Durchsicht der Bestände noch viele Artefakte finden, die in
primärer Funktion anderweitig genutzt wurden. Oft ist aber auch
nicht mehr zu erkennen, dass Geräte umgearbeitet wurden, da ihre
Form vollständig verändert wurde.

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