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Die Kunde, Jahrgang 2005
 
...Eine Frau darf keine Männerkleidung tragen, und ein Mann keine Frauenkleidung...

von
Dr.
Dagmar-Beatrice Gaedtke-Eckardt PD
Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

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Schlüsselwörter: Karolingerzeit; Frühgeschichte; Kleidung; Rekonstruktion; Nds. Landesmuseum Hannover

Zusammenfassung: Lässt sich Kleidung nur nach alten Texten und Bildern herstellen? Eine Gruppe von Fachleuten (Abb. 7 und 8) hat sich lange mit dieser Frage beschäftigt, denn für die Zeit Karls des Großen vor rund 1 200 Jahren gibt es nur wenige Textquellen und einige Darstellungen. Von den Kleidungsstücken ist fast nichts erhalten. Erstmalig in Deutschland wurde für das Niedersächsische Landesmuseum Hannover Kleidung aus karolingischer Zeit nach wissenschaftlichen Erkenntnissen rekonstruiert. Zu diesem Zweck wurden die lateinischen Texte und die Malereien studiert und ausgewertet. Garn wurde gesponnen und mit Pflanzenfarben Wolle gefärbt. Dozentinnen und Studenten der Fachhochschule Hannover, Fachbereich Design und Medien, haben nach vielen Webproben Stoffe gewebt und fantasiereiche Muster darauf gefilzt. Kriminalistischer Spürsinn war nötig, um aus den Stoffen Kleidung zu machen, die auch getragen werden kann – ohne Gummiband und Elasthan ein schwieriges Problem. Mit einfachen Schnitten ist das nicht möglich! Die Fachstelle für Schuhkunde und historische Lederarbeiten in Lausanne fertigte die Schuhe. Dozenten und Studenten der Fachhochschule Hannover, Fachbereiche Bildende Kunst sowie Design und Medien, benötigten mehr als 9 Monate (!), um aus Gips und Epoxiharz die Figuren herzustellen. Von „passenden“  Studenten wurden unter hohem körperlichen Einsatz Gipsabformungen angefertigt. Aus diesen Gipsen entstanden durch aufwändige Verfahren als Unikate die beiden Puppen.

Keywords:
Summary
: Model of Carolingian clothing based on documents, drawings and finds. Co-operation between university for applied science, dressmaker, scientist, specialist for historic footware and museum.

Textilien umgeben uns fast unser Leben lang: Nach der Geburt wird man in Kleidung gehüllt und bleibt mit wenigen Ausnahmen sein ganzes Leben und auch im Tod bekleidet. Hinzu treten Kuscheldecken und Stofftiere. Es gibt Markenzeichen, die getragen werden müssen, aber auch sinnlich spürbare Unterschiede zwischen den Geweben (vgl. Kaiser 2000, 181). Welches Kind fühlte sich im kratzigen Marineanzug wohl? Wenn wir an Kleidung denken, so stehen Mode, Statussymbol und Ausdruck unserer Persönlichkeit im Vordergrund, an die Funktion der Kleidung, an Wärme und Schutz denken wir weniger. Wie war das früher? Lässt sich nach alten Texten und Bildern Kleidung herstellen, die von jedem jeden Tag getragen worden sein könnte? Wir wollten nicht darstellen, was Könige trugen, sondern das, was sich jeder Freie, der Land besaß, leisten und besorgen konnte. Wir wollten bewusst keinen konkreten Fund nacharbeiten. Unser Anliegen war es einen Eindruck zu vermitteln, wie die Kleidung vieler Menschen in der Zeit Karls des Großen ausgesehen haben könnte unter der Voraussetzung, dass sie auch tragbar ist. Die Umsetzung vom Bild in wirkliche Kleidung war die schwierige Aufgabe unseres Projektes.

Wie war das möglich? Folgende Überlegungen haben wir angestellt: Die bildlichen Vorlagen für unsere Textilien stammen aus dem Stuttgarter Psalter, und der bildet zumeist Menschen der Ober- und Mittelschicht ab. Die Abbildungen zeigen also die Kleidung der breiten Bevölkerung.

Wie konnte man sich diese Kleidung besorgen? Wer Land hatte, konnte Flachs anbauen und hatte Schafe, also die für die Textilherstellung notwendigen Rohstoffe auf dem eigenen Boden. Beschäftigte in anderen Berufen konnten die erforderlichen Materialien durch Tausch oder Handel erwerben. Auch die benötigten Farben waren zu beschaffen, denn sämtliche Farben sind mit organischen Materialien herzustellen: Krapp, Waid, Birkenlaub und Brennnessel. Die Farben konnten auch gemischt werden