| Seit nunmehr acht Jahren führt das Institut für Denkmalpflege als
eine Zentralaufgabe Untersuchungen in den Mooren und Feuchtgebieten
Niedersachsens durch. Während dieses Zeitraums richtete sich das
Hauptaugenmerk der Geländearbeit auf die lagegenaue Erfassung und
Ausgrabung gefährdeter Moorwege. Bei der Auswahl an Objekten wurde ein
regionaler Schwerpunkt gebildet, welcher das Gebiet westlich der Weser
zwischen der Marsch im Norden und dem Bergland im Süden abdeckt. Zeitlich
reicht das Spektrum der untersuchten Denkmäler vom Neolithikum bis in die
jüngste Vergangenheit. Parallel zu den archäologischen Arbeiten wurden naturwissenschaftliche
Untersuchungen mit unterschiedlichen Fragestellungen initiiert und
begleitet, die eigene Ergebnissen ergänzten und zu neuen Erkenntnissen
führten.
Im Folgenden möchte ich aus aktuellem Anlass über
Untersuchungen des Instituts für Denkmalpflege an zwei neolithischen
Pfahlwegen berichten, die nach einer ersten Grabungskampagne 1992 seit
Juli 1996 wiederum Ziel umfangreicher Untersuchungen sind. Obwohl eine
Auswertung im Einzelnen noch nicht vorliegt, haben sich einige interessante
Teilaspekte herauskristallisiert.
Das Große Moor am Dümmer ist bekannt durch eine Vielzahl an Moorwegen,
die besonders massiert an einem Engpass nördlich des Sees gelegen sind
und vom Neolithikum bis in die nachchristliche Eisenzeit datieren. Aus den
südlichen Moorteilen gibt es indes nur wenige Belege.
Eine derartige Anlage wurde in den 50er bzw. 60er Jahren beim
Handtorfstich im Campemoor beobachtet, aber nicht wissenschaftlich
untersucht. Sie geriet wieder in Vergessenheit bis Ende der 80er Jahre das
Moor erneut, diesmal jedoch maschinell abgebaut wurde. Die Fundstelle
wurde erneut freigelegt und nur wenige Meter entfernt ein zweiter Weg
entdeckt. Beide wurden im Herbst 1991 dem Staatlichen Museum für
Naturkunde und Vorgeschichte in Oldenburg gemeldet und von dort aus dem
Institut für Denkmalpflege (IfD) zuständigkeitshalber weitergereicht. Im
Sommer 1992 fanden erste archäologische Untersuchungen durch das IfD
statt.
Die Fundstellen liegen im Campemoor, Gmkg. Vörden, Gde. Neuenkirchen,
Ldkr. Vechta. Während der ältere der beiden Wege nur wenige Zentimeter
über dem mineralischen Untergrund in einer Niedermoorschicht mit
eingelagertem Birken-/Kiefernbruchwald liegt, verläuft der jüngere in
Höhe eines Kiefernbruchwaldes ca. 1,6 m über dem Untergrund des heute
noch max. 2,5 m mächtigen Moores.
Nördlich der Grabungsstelle betrug die
Moormächtigkeit vor 30 Jahren noch mindestens 5,4 m. Bereits vor Beginn
der ersten Grabungskampagne wurde durch Bohrungen der weitere Verlauf des
höher im Torfprofil liegenden Weges über eine größere Entfernung
festgelegt. Die Prospektion an dem älteren Weg erwies sich infolge der
Bruchwaldhorizonte als überaus problematisch.
Der jüngere Weg mit der Kennzeichnung Pr 32 (nach der
Zählung H. Hayens) gehört dem Typ des Pfahlweges an. Er besteht aus zwei
Konstruktionselementen. Auf die Oberfläche des Moores wurden in einem
ersten Arbeitsgang 4-5 parallele Reihen von Kiefernstämmen in
Laufrichtung gelegt. Diese dienten dem eigentlichen Belag als Widerlager
und verhinderten dessen Versinken. Die quer dazu liegende Laufschicht ist
ebenfalls aus Kiefernstämmen geschlagen und besitzt eine Breite von ca. 2
m. Die gesamte Konstruktion ist mit großer Sorgfalt ausgeführt. Nach der
Freilegung wurde deutlich, dass der Weg mitten durch ein bestehendes
Kiefernwäldchen angelegt worden war. Dies wurde nicht nur bei Betrachtung
des kurvenreichen Streckenverlaufes deutlich, sondern auch dadurch, dass
man einzelne Stämmchen, die am Rande der Wegtrasse aufwuchsen, beim Bau
berücksichtigte. Die Anlage besitzt Parallelen im bronzezeitlichen
Wegebau. Deshalb waren wir zunächst der Meinung eine Kunststraße aus
dieser Zeit vor uns zu haben. Dies erwies sich als Irrtum. Ich komme auf
die Frage der Datierung erst zu einem späteren Zeitpunkt zurück.
Betrachten wir zunächst den zweiten Weg mit der Bezeichnung Pr 31.
Auch er gehört dem Typ des Pfahlweges an, doch weist er erhebliche
Unterschiede in der Bauausführung auf, was bereits bei Betrachtung des
Unterbaues deutlich wird. Er liegt in stark zersetztem, nassen
Niedermoortorf, möglicherweise im Überschwemmungsbereich eines in der
Nähe nachgewiesenen Sees oder Tümpels, wodurch ergänzend
stabilisierende Bauelemente notwendig waren. Sie bestehen entweder aus
einer zusätzlichen Lage von Birkenstämmchen und starken Ästen unterhalb
des eigentlichen Unterbaues oder durch Erhöhung der Laufschicht durch
mehrfache Schichtung in gefährdeten Bereichen. Der Oberbau enthält bis
auf einen einzigen Birkenstamm ausschließlich Kiefermaterial. Um im Falle
von Überflutungen ein Auseinanderdriften des Oberbaues zu verhindern kam
man zu einer einfachen aber wirksamen Lösung. An den Seiten der
Lauffläche hatte man Kiefernhalbstämme in Längsrichtung verlegt, diese
in Abständen durchbohrt und durch die Öffnungen Birkenpflöcke bis auf
den mineralischen Untergrund getrieben. Dieses Prinzip begegnet in der
Vorrömischen Eisenzeit an einigen Bohlenwegen in modifizierter Form
wieder. Der Erhaltungszustand der Hölzer ist schlecht, was auf die
Lagerung im sauerstoffreichen Niedermoor aber auch auf einen längeren
Nutzungszeitraum zurückzuführen ist.
Die Breite des Weges unterliegt großen Schwankungen. Betrug sie in den
Grabungsschnitten von 1992 noch bis zu 5,5 m, so lag sie in den
freigelegten Abschnitten dieser Kampagne bei nur 2,5 m. Nach Abschluss der
Grabungskampagne 1992 nahmen wir eine Grobdatierung der Wege anhand ihrer
Lage im Torfprofil vor. Bereis damals erschien uns ein Datierung für das
tiefer gelegene Bauwerk in Neolithikum gerechtfertigt. Für den anderen
Weg nahmen wir, auch aufgrund von Parallelfunden, ein bronzezeitliches
Alter an. Inzwischen liegen vom Staatlichen Museum für Naturkunde und
Vorgeschichte in Oldenburg und vom Institut für Denkmalpflege unabhängig
in Auftrag gegebene calibrierte C14-Daten vor, welche übereinstimmend das
erstaunlich hohe Alter von ca. 4600 v. Chr. für den älteren Weg belegen.
Eine archäologische Bestätigung für das hohe Datum des Pfahlweges Pr 31
erhielten wir während der laufenden Untersuchungen. Unmittelbar neben der
äußeren Wegbegrenzung konnte in Nähe des Unterbaues, also auf der alten
Oberfläche ein Felsovalbeil mit Resten des Schäftungsharzes gefunden
werden. Es besteht aus grau-grünem Material, ist 8,8 cm lang, 4,5 cm
breit und 2,4 cm dick. Sowohl der Nacken als auch eine Schneide weisen
leichte Beschädigungen auf. Es lag in nur wenigen Zentimetern Entfernung
von einem Birkenstubben. Leider ließ sich durch den schlechten
Erhaltungszustand des Holzes nicht mehr ermitteln, ob der Stamm abgefault
war oder der Baum ehemals gefällt wurde, doch scheint mir gerade im
Hinblick auf die Verwendung von Birkenholz im Unterbau eher letzteres
wahrscheinlich. Die jüngere Anlage datiert um 4000 v. Chr.
Ziel der Untersuchungen ist u. a. die Funktion der Wege zu
erschließen sowie eine historische Einordnung zu ermöglichen. Seit
vielen Jahren gilt in der Moorarchäologie die These, dass Wege, wenn sie
nur von ausreichender Breite sind, potentiell für den Gebrauch von Wagen
oder Karren konzipiert waren. Zahlreiche Funde von Rädern, Achsen und
anderen Wagenteilen an verschiedenen Moorwegen scheinen dies zu
bestätigen. Im vorliegenden Fall wird eine solche Interpretation
problematisch. Nach dem bisherigen Kenntnisstand beginnt die Geschichte
des Wagens im dritten Jahrtausend. Als Ursprungsland wird Mesopotamien
genannt.
Aufgrund der Wegbreite und des hohen Alters der Anlagen ist, meines
Erachtens vorschnell, nun von anderer Seite der Schluss gezogen worden,
dass die Entwicklung des Wagens 1500 Jahre älter sei las bisher
angenommen und von Norddeutschland ausgegangen sei. Gegen diese
Interpretation spricht der archäologische Befund. Ein direkter Nachweis
in Form von Wagen- oder Radteilen fehlt. Auch die Breite des Weges ist
kein entscheidendes Kriterium. Sie ist nach meinem Dafürhalten lediglich
eine Folge der Materialauswahl. Die Erbauer haben in der Überzahl
Kiefernstämmchen von bis zu 10 cm Durchmesser am Stammende gewählt. Die
dünneren, kronenseitigen Enden sind nicht abgetrennt worden, wozu es
eines größeren Arbeitsaufwandes bedurft hätte, ohne einen direkten
Nutzen daraus ziehen zu können. Gerade diese Stammteile hätten aber
einem Verkehr mit schweren Karren aus Eichenholz, man rechnet mit einem
Gewicht von ca. 250 kg für ein solches Fahrzeug, nicht standgehalten.
In älteren Berichten ist oft von einer Auflageschicht aus Heide- und
Grassoden über der Fahrbahn die Rede, ohne dass sie allerdings
ausreichend dokumentiert wäre. Sie soll dem Zweck gedient haben, die
Hölzer vor mechanischen Beschädigungen durch die Räder zu schützen.
Während meiner Untersuchungen zu ur- und frühgeschichtlichen Wegen
konnte eine solche Deckschicht nicht beobachtet werden. Auch im
vorliegenden Fall ergab sich bislang kein solcher Hinweis.
Auch das Vorhandensein von Fahrspuren, die durch Druck der Holzräder auf
die Belaghölzer entstanden sein sollen kann durch eigene Beobachtungen
nicht bestätigt werden, obwohl gerade im vorliegenden Fall durch die
Verwendung von Weichhölzern in Verbindung mit dem feuchten Milieu die
Voraussetzungen für den Erhalt von Radspuren optimal sind.
Für den jüngeren der Pfahlwege gelten die gleichen Beobachtungen. Hinzu
kommt, dass der Weg, wie bereits gesagt, mitten durch einen Kiefernwald
führte. Dies zwang die Erbauer zu immer neuen Richtungsänderungen auf
kurze Strecke. Dadurch wurde die Manövrierfähigkeit auf dem nur 1,6 m
breiten Weg entscheidend beeinträchtigt. Zusammenfassend kann gesagt
werden, dass an den Pfahlwegen 31 und 32 Pr keine Hinweise auf den Einsatz
von Wagen erbracht werden konnten. Vorläufig braucht die Geschichte des
Wagens also noch nicht umgeschrieben werden.
Das hohe Alter des Weges berechtigt zu der Frage, welcher
Zweck mit seiner Erbauung verbunden wurde. Wir wissen dass die Ränder des
Dümmers seit dem Mesolithikum aufgesucht wurden. Seit dem mittleren
Neolithikum verdichten sich Funde und Befunde im Uferbereich derart, dass
zumindest mit einer saisonalen Besiedlung zu rechnen ist. Von besonderer
Bedeutung ist in diesem Zusammenhang eine Serie von insgesamt 40
konventionellen C14-Daten vom Siedlungsplatz Hüde 1. Besonders die der
Rössener und der Trichterbecherkultur zugeschriebenen Datenserie
interessiert hier. Sie beginnt bei etwa 3800 und reicht bis 3100 v. Chr.
Durch Kalibration der konventioneller C14-Daten erhalten wir ein
tatsächliches Alter, welches eine zeitliche Verbindung zu den beiden
Pfahlwegen im Campemoor herstellt. Archäologisch wird dies durch das
bereits erwähnte Felsovalbeil angedeutet.
Noch ist es nicht möglich, eine direkte Beziehung zwischen dem Bau der
Wege und dem Gang der neolithischen Besiedlung des Dümmerrandes
herzustellen, doch wird dieser Aspekt bei der weiteren Planung eine
wichtige Rolle einnehmen. Dazu ist neben weiteren Untersuchungen an den
Wegen selbst die intensive Prospektion der Moorgebiete der Dümmerregion
einschließlich der Geestrandgebiete geplant. Bereis während der
Grabungskampagne 1992 wurden an der Grabungsstelle zwei vollständige
Torfprofile geborgen. Sie sind inzwischen teilweise ausgewertet und
publiziert. Weitere Profile liegen aus den Nachbarmooren vor. Nach
Abschluss der Analysen werden wir über wesentliche Informationen zur
natürlichen Umwelt und klimatischen Ausgangssituation zu Beginn des
Neolithikums im südlichen Dümmergebiets verfügen. Alle Aspekte zusammengefasst
erhalten wir ein klareres Bild vom Gang der Besiedlung und welche Rolle
dabei den Moorwegen zukommt.
Anschrift des Verfassers
Alf Metzler M. A.
Institut für Denkmalpflege, Hannover
Veröffentlicht in "Berichte zur Denkmalpflege in
Niedersachsen 1/97"
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