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Eine Steinaxt aus Hemmingen-Westerfeld ...
 

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Die Entstehung der oben beschriebenen morphologischen Merkmale läßt sich am besten mit zwei fehlgeschlagenen Bohrversuchen erklären. So hinterließ ein Versuch lediglich die gewölbte und knapp 1 mm tiefe Spur auf einer der beiden Lochseiten. Es stellt sich hierbei allerdings die Frage, warum die falsche Lage des Ansatzpunktes für den Bohrer erst erkannt wurde, nachdem die Anbohrung bereits eine Vertiefung hinterlassen hatte. 

a

b c

Abb. 2
Schematische Darstellung des Bohrvorganges am Querschnitt der Steinaxt aus Hemmingen-Westerfeld:
 a) Lage des Holzbohrers (schwarz) bei Abbruch des Durchbohrungsversuches. 
b) Lage des neu angesetzten Hohlbohrers (schwarz) am Beginn der erfolgreichen Durchbohrung.
 c) Lage des verjüngten Hohlbohrers 'b) bei fast vollständig erfolgter Durchbohrung.

Als Indizien für einen zweiten Bohrversuch sind der Absatz und die Facette in der Schaftlochinnenseite zu werten. Den Grund, diesen Bohrvorgang abzubrechen, stellte die zu schräg verlaufende Bohrung dar, deren Fortführung zur Konsequenz gehabt hätte, daß das Schaftloch bereits an der Außenseite der Axt ausgetreten wäre (Abb. 2,a). Bedenkt man, daß bei einem Bohrversuch von Vosgerau (1983/84, 189) mit Hilfe eines Hohlbohrers aus Holunder nach 80 Minuten in einem feinkörnigen Diabasgestein eine Tiefe von 8 mm erreicht wurde, hätte der Handwerker bei einem linearen Ansteigen der Bohrzeit-Bohrtiefe-Kurve im vorliegenden Fall bereits etwa 200 Minuten  in das Bohren des ungefähr 20 mm tiefen Loches investiert. Die Versuch von Vosgerau (1983/84, 189) in einem quarzitischen Sandstein zeigten allerdings, daß besonders ab einer Bohrtiefe von 15 mm der Zeitaufwand für die gleiche Bohrstrecke unproportional ansteigt. Der Bearbeiter der Steinaxt aus Hemmingen war also erheblich länger als 200 Minuten mit dem Bohrvorgang beschäftigt, als er diesen beendete und erneut mit einer Durchbohrung begann.

Der Arbeitsschritt, der zur Schaffung des Schaftloches führte, wurde, wie die größere Schaftlochöffnung zeigt, mit einem relativ dicken Bohrrohr ausgeführt. Es besaß einen etwa 3,9 mm größeren Durchmesser als jener Bohrer, der die Spur auf der Lochseite hinterließ. Der größere Durchmesser führte dazu, daß die Spuren der Bohrung, die in dem Absatz endete, zu einem großen Teil überprägt wurden. Dies zeigt sich heute dadurch, daß sich lediglich oberhalb des Absatzes über etwa ein Viertel des Schaftlochumfanges Spuren zeigten, die sich durch leichte Grate von der ansonsten absolut gleichmäßig verlaufenden erfolgreichen Schaftlochbohrung absetzen. Die Entstehung dieser Grate wurde durch die Überschneidung beider Bohrlöcher verursacht (Abb. 2,b,c).

Obwohl die endgültige Durchbohrung präzise ausgeführt wurde, erscheint ihr Verlauf dennoch schräg, da sie an der unteren Lochseite derart austritt, daß an ihrer breitesten Stelle die Stege zwischen Schaftloch und Außenseite 4 mm bzw. 12 mm messen. Die beiden mißlungenen Durchbohrungsversuche wie auch die erfolgreiche Durchbohrung der Axt wurden an der gleichen Lochseite angesetzt. Dies geht aus dem konischen Verlauf des Schaftloches hervor. Wie die schematische Darstellung verschiedener Bohrphasen bei Vosgerau (1983/84, 187 Abb. 1 d.e) zeigt, stellt die größere Schaftlochöffnung den Beginn der Bohrung dar. Vermutlich durch die Abnutzung der Wandung des Bohrers während des Bohrvorganges durch das beigefügte Schleifmittel kam es zu einer Verjüngung des Bohrers und somit zur konischen Ausprägung des Bohrloches.

Die eingehende Betrachtung der technologischen Merkmale an der Steinaxt aus Hemmingen-Westerfeld konnte einen interessanten Einblick in das Bohrhandwerk der ausgehenden Steinzeit liefern. Die wiederholten Bohrversuche legen auch Zeugnis von der Beharrlichkeit des Handwerkers ab, der das Stück bis zu seiner Vollendung nicht verloren gab. Zieht man Rückschlüsse aus dem Zeitaufwand bei der Herstellung eines Gegenstandes auf seinen Wert, so ist diese Axt auf Grund der zeitintensiven Bohrwiederholung trotz ihrer unpräzisen Gesamterscheinung als besonders wertvoll einzustufen.

Der im Vergleich zu einer Beilklinge - die Herstellung einer gebrauchsfertigen Flintbeilklinge benötigt lediglich 250 Minuten (Adameck, Lund, Martens 1990, 203) - ungleich höhere Zeitaufwand bei der Produktion einer Axt sowie der ungünstige Schneidenwinkel und die stumpfe Schneide der vorliegenden Axt lassen eine Beurteilung des Artefaktes als profane Arbeitsaxt ungerechtfertigt erscheinen. Wie erfolgreiche Versuche zeigen (Meier 1990), kann der Einsatz von Steinäxten zur Holzbearbeitung allerdings nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Trotzdem erscheint dem Verfasser eine Interpretation der Axt aus Hemmingen-Westerfeld als Würdezeichen und/oder Waffe wahrscheinlicher.

L i t e r a t u r

Adameck, Marco, Lund, Marquardt, Martens, Kai 1990: Der Bau eines Einbaums. Zur Gebrauchsfähigkeit von geschliffenen Feuersteinbeilklingen. Experimentelle Archäologie in Deutschland. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 4, 1990, 201-207.
Brandt, Karl-Heinz 1967: Studien über steinerne Äxte und Beile der Jüngeren Steinzeit und der Stein-Kupferzeit Nordwestdeutschlands. Münstersche Beiträge zur Vorgeschichtsforschung 2. Hildesheim 1967.
Meier, Michael 1990: Das Arbeiten mit neolithischen Felsgesteinbeilen. Experimentelle Archäologie in Deutschland. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 4, 1990, 273-278.
Oldenburg, Heinz 1983/84: Eine Arbeitsaxt aus Felsgestein von Martfeld, Ortsteil Kleinenborstel, Ldkr. Diepholz. Die Kunde N. F. 34/35, 1983/84, 225-226.
Vosgerau, Heinz-Günter 1983/84: Erfahrungen beim Rekonstruktionsversuch von Bohrvorrichtungen. Die Kunde N. F. 34/35, 1983/84, 187-190.

Zeichnungen: W. Köhne-Wulf, T. Lessng (Abb.1), T. Lessig (Abb. 2).

Anschrift des Verfassers:

Thomas Lessig M.A.
Bezirksregierung Hannover
Archäologische Denkmalpflege
Am Waterlooplatz 11
30169 Hannover
 


 
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