Eine rätselhafte Tonfigur ...
Spielzeug oder Kultobjekt?
Ist schon die Datierung aufgrund der
Fundumstände und fehlender identischer Vergleichsfunde mit Unsicherheiten
behaftet, so bereitet die Deutung der Funktion doch das größte Problem, denn
allgemein ist die Unterscheidung von Votiv oder Spielzeug schwierig.
Üblicherweise werden mittelalterliche Rasseln und Klappern in Tier- oder
auch Menschengestalt als Kinderspielzeug bezeichnet, hingegen werden
urgeschichtliche figürliche Rasseln zumeist als kultisch gedeutet (vgl.
HOFFMANN 1966, 134; 136; COBLENZ 1956, 282 ff.). Begründet liegt diese These
sicherlich in den Anfängen künstlerisch dargestellter Plastiken - eine Venus
von Willendorf kann aufgrund ihrer ausgeprägten fruchtbarkeitstrotzenden
Attribute nur als Kultobjekt
4
gedeutet werden, ebenso wie
die neolithischen Frauen- und wenigen Männeridole aus der Gruppe der
südmährischen bemahlten Keramik (vgl. SCHÁNIL 1928, 53 f. Taf. 7) sowie die
"verwandten" linienband- und stichbandkeramischen Idole (vgl. HÖCKMANN 1965,
1 ff. Taf. 1-8; BEHRENS 1973, 222 Taf. 88.)
Oft kann die Fundsituation zur Aufklärung
beitragen, aber auch hier gibt es manchmal mehrere
Interpretationsmöglichkeiten. So bringt COBLENZ (1986, 81 f.) die
Klapperpupppe aus dem Frauengrab A/118 von Niederkaina (siehe oben) unter
anderem deshalb in den Zusammenhang mit einer Bestattungszeremonie, weil
keine Kinderbestattung vorliegt und die Figur 15 cm oberhalb der
Beigabengefäße in der Grubenverfüllung gefunden wurde - er stellt daher die
Tonklapper in den Kontext der Abwehrmagie (vgl. hierzu auch KROITZSCH,
SCHLEGEL 1974, 89). Aber angenommen, die Klapperpuppe war ein Spielzeug
5
eines Kindes der verstorbenen
Frau, so könnte die Puppe als ein letzter Gruß des Kindes an seine Mutter in
die Grubenverfüllung gelangt sein und hätte in dem Moment zusätzlich eine
kultische Bedeutung erlangt. Auch diese Handlung und Beweggründe sind
denkbar.
Die dargelegte Interpretation weist auf die
weltweite und über die Zeiten hinwegreichende multifunktionale Bedeutung des
"Abbildes eines Menschen" - was eine Puppe ja darstellt - und verdeutlicht,
daß eine Trennung der Funktion einer "Puppe" oftmals gar nicht möglich ist
(vgl. hierzu auch FRASER 1966, 31 ff.)
Es ist also zunächst zu klären, ob denn die
Kinder in der Urgeschichte überhaupt "Spielzeug" kannten und wenn ja, wie
dieses beschaffen war. Aus der altägyptischen Kultur sind zahlreiche
"Spieltiere" überliefert, aber auch mit Bällen, Kreisel, Ziehtieren,
Spielschiffchen und Puppen beschäftigten sich die Kinder im Altertum
(ausführlich hierzu FRASER 1966, 26 ff.). Zu den weltweit verbreiteten und
ältesten Spielzeugen gehören Ball und Kreisel, die bisher wahrscheinlich
deshalb nicht im urgeschichtlichen archäologischen Befund nachgewiesen sind,
weil sie aus organischem Material hergestellt wurden.
Ein wesentliches Element des Spielens oder
Spielzeuges ist die Nachahmung. "Spielend lernen" (vgl. SIEMONEIT 1997, 77
f.) drückt aus, worum es geht: Die Fertigkeiten der Erwachsenen sollen
spielend erlernt werden. Das dieses auch im Neolithikum funktionierte,
beweisen eindrucksvoll die Miniaturobjekte
(Abb. 9) aus den Schweizer Seeufersiedlungen (WINIGER 1981, 209 ff;
vgl. Abb. 2-4, 7-8), so daß eine von vornherein
ausschließlich kultische Deutung von urgeschichtlichen figürlichen Plastiken
nicht haltbar ist. |