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Archäologie als Fortsetzungsroman:

Die Entdeckung des Bernsteintiers von
Weitsche 1994-1996

Dr. Stephan Veil, Oberkustos am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover

Das Bernsteintier von Weitsche

Seit 1991 werden in einem Projekt der Urgeschichtsabteilung des Niedersächsischen Landesmuseums die Ackerflächen in der Talaue der Jeetzel bei Weitsche, Ldkr. Lüchow-Dannenberg, systematisch nach Feuersteinwerkzeugen und -abfällen abgesucht. Auf 200 000 Quadratmetern konnten so Reste von etwa 100 Lagerplätzen entdeckt werden, auf denen am Übergang von der Eiszeit zur Nacheiszeit frühe Waldjäger lebten. Ihre archäologischen Spuren werden unter dem Begriff "Federmesser-Gruppen" zusammengefasst, die sich am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 13000-14000 Jahren (unter Berücksichtigung neuer Alterskorrekturen) herausbildeten. Im Mai 1994, bei einer unserer Prospektionen, las der Schulpraktikant Guido Henco völlig überraschend auch ein Stück bearbeiteten Bernsteins auf. Bei einer ersten Grabung im Bereich des Fundpunktes, die noch im August des gleichen Jahres stattfand, wurden weitere Bruchstücke einer, wie sich zeigen sollte, einzigartigen Bernsteinfigur geborgen. Die beim Pflügen abgesplitterten, nur durch Schlämmen und Sieben des Bodens auffindbaren Teile ließen sich zum Rumpf eines Tieres zusammenfügen. 1995 glückte es, die Hinterbeine zu finden.

Die wichtigste Frage war, wie alt ist das Bernsteintier. Wenn Sachen benachbart auf der Ackeroberfläche gefunden werden, ist das für sich genommen noch kein Hinweis auf ihre Gleichaltrigkeit und Zusammengehörigkeit. Die Feuersteinwerkzeuge waren zwar durch Vergleich mit anderen datierten Fundplätzen zeitlich und kulturell bestimmbar, aber das außergewöhnliche Kunstwerk konnte ja auch aus späterer Zeit stammen und beispielsweise einzeln verloren worden sein.

Bei den dreiwöchigen Ausgrabungen im Juli und August 1996 nun konnten nicht nur weitere wichtige Teile der Figur geborgen werden. Vielmehr war es möglich, Einblicke in den kulturellen Zusammenhang zu gewinnen, die in dieser Detailliertheit bei einem Oberflächenfundplatz fast undenkbar schienen.

1. Es lässt sich ein Lagerplatz mit Feuerstelle rekonstruieren, der längere Zeit bewohnt gewesen ist und zu dessen Hinterlassenschaften die Tierfigur zweifelsfrei gehört. Die verschiedenen Formen der Steinwerkzeuge zeigen, dass vermutlich Tierhäute verarbeitet, Gerät und Waffen aus Geweih, Knochen und Holz hergestellt und ausgebessert wurden und Jagdbeute zubereitet wurde, wobei auch Fisch eine Rolle gespielt haben dürfte. Das Fehlen jüngerer Funde auf immerhin 145 m2 sichert die Zuordnung der Bernsteinfigur zum späteiszeitlichen Lagerplatz ab.

2. Überraschenderweise wurden auch zwei begrenzte Ansammlungen von Holzkohle und verbrannten Knochen beobachtet. Da die Knochenfragmente sich an der gleichen Stelle wie die Steinartefakte häufen, gehören auch sie wohl zum Lagerplatz. Die Zuordnung der Holzkohle wird erst nach der Holzartenbestimmung möglich sein. Sehr wichtig ist, dass das Alter der organischen Bestandteile beider Fundkategorien auf das Jahrhundert genau bestimmbar sein dürfte, und insofern auch begründete Hoffnung auf eine indirekte Datierung der Bernsteinfigur besteht.

3. Aus den größeren Bruchstücken lassen sich Rumpf, Hals und Hinterbeine des Tieres zusammensetzen. Hinter- und Vorderbeine sind so durch ein spitzovales Stück Bernstein miteinander verbunden, dass der Tierkörper ringartig geschlossen erscheint. Ob hierfür technische Gründe maßgeblich waren, ob diese eigenartige Plastik symbolischen Charakter trägt oder vielleicht auch eine praktische Funktion hatte, ist ungeklärt. Ein in Form und Körperhaltung ähnliches Bernsteintier, ein Pferd, stammt aus Dobiegno/Woldenberg (Polen), leider als Einzelfund zeitlich und kulturell unbestimmt. Die qualitätsvolle Darstellung ist schematisch und ohne Modellierung des Tierkörpers, der wie ausgeschnitten wirkt. Das Tier hält den Kopf nach vorne geneigt.
Die sorgfältig im Halbrelief herausgearbeiteten Ohren mit Muschel stehen stilistisch in der Tradition einer älteren, nämlich der späteiszeitlichen Kunst der Steppenjäger. Die Mähne ist mit einem sorgfältig eingravierten Rautenband wiedergegeben. Leider ist trotz allem eine zweifelsfreie Bestimmung der Tierart noch immer nicht möglich, wenngleich viel für eine Pferdedarstellung spricht. Diese Frage ist nur durch Kenntnis des Kopfes zu beantworten, der bisher jedoch nur in Bruchstücken geborgen ist. Er ist wahrscheinlich schon früher, wohl noch zu Zeiten der Waldjäger, beschädigt worden.

Durch den Fund des Bernsteintieres erscheint nun auch eine Bernsteinperle in einem neuen Licht, die der Entdecker des Fundplatzes, Klaus Breest, schon 1986 etwa 120 m südlich von der heutigen Grabungsstelle gefunden hat. Die scheibenförmige Perle ist etwa 10 mm breit und zylindrisch durchbohrt. Da sie sich nach den Ergebnissen der Prospektionen seit 1991 gleichfalls einem Lagerplatz der Federmesser-Gruppen zuordnen lässt, zählt sie heute zu den ganz seltenen Schmuckgegenständen, die überhaupt aus dieser Kultur bekannt sind.

Die weit verbreiteten Federmesser-Gruppen sind höchstwahrscheinlich die Antwort des Menschen auf eine ökologische Umwälzung höchsten Ausmaßes, nämlich eine Anpassung späteiszeitlicher Steppenjägerkulturen an die am Ende der Eiszeit entstehende Waldlandschaft mit andersartiger Tierwelt. Bei den wenigen künstlerischen Äußerungen handelt es sich fast ausschließlich um abstrakt-geometrische, auf Steingerölle gemalte oder gravierte Muster. Konkrete Darstellungen von Mensch und Tier sind sehr selten. In ihrer "Armut" an figürlichen Darstellungen unterscheiden sich die Federmesser-Gruppen insofern deutlich von den kunstfreudigen Vorgängerkulturen der Steppenjäger Europas, die Höhlen wie Altamira in Spanien oder Ignatievka im Ural mit Bildern ausgemalt haben.

Das qualitätsvolle Bernsteintier von Weitsche lässt nun solche Schlussfolgerungen in einem etwas anderen Licht erscheinen, dokumentiert es doch, dass hochwertige Kunstäußerungen im Leben der frühen Waldjäger weiterhin eine Rolle spielten. Vielleicht erscheinen sie deshalb sehr selten, weil die frühen Waldjäger andere Materialien wie Holz für ihre Bilder  verwendet haben, die sich kaum im Boden erhalten konnten.

Die Figur von Weitsche schlägt andererseits zeitlich eine Brücke zu einigen Bernsteintieren aus Dänemark und Polen, die in die Mittelsteinzeit gehören und bislang unvermittelt, ohne Vorläufer, aufzutreten schienen.

Die unentgeltliche Mitarbeit von Mitgliedern der Fördervereine der Urgeschichtsabteilung, darunter der Entdecker des Fundplatzes Klaus Breest, hat maßgeblich zum bisherigen Erfolg der Untersuchungen beigetragen. An sie alle geht der Dank der Urgeschichts-Abteilung. Im Sommer 1997 soll versucht werden, auch noch den Kopf des Tieres zu finden. Denn wie bei jedem Kunstgegenstand, ganz besonders aber im Fall einer beispiellosen Arbeit wie dem Weitscher Tier, ist ästhetische Wirkung und Aussagekraft durch Fehlen wesentlicher Teile in letztlich nicht quantifizierbarem Umfang eingeschränkt.


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