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Seit 1991 werden in einem Projekt der
Urgeschichtsabteilung des Niedersächsischen Landesmuseums die Ackerflächen in der Talaue
der Jeetzel bei Weitsche, Ldkr. Lüchow-Dannenberg, systematisch nach Feuersteinwerkzeugen
und -abfällen abgesucht. Auf 200 000 Quadratmetern
konnten so Reste von etwa 100 Lagerplätzen entdeckt werden, auf denen am Übergang von
der Eiszeit zur Nacheiszeit frühe Waldjäger lebten. Ihre archäologischen Spuren werden
unter dem Begriff "Federmesser-Gruppen" zusammengefasst,
die sich am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 13000-14000 Jahren (unter Berücksichtigung
neuer Alterskorrekturen)
herausbildeten. Im Mai 1994, bei einer unserer Prospektionen, las der Schulpraktikant
Guido Henco völlig überraschend auch ein Stück bearbeiteten Bernsteins auf. Bei einer
ersten Grabung im Bereich des Fundpunktes, die noch im August des gleichen Jahres
stattfand, wurden weitere Bruchstücke einer, wie sich zeigen sollte, einzigartigen
Bernsteinfigur geborgen. Die beim Pflügen abgesplitterten, nur durch Schlämmen und
Sieben des Bodens auffindbaren Teile ließen sich zum Rumpf eines Tieres zusammenfügen.
1995 glückte es, die Hinterbeine zu finden. Die wichtigste
Frage war, wie alt ist das Bernsteintier. Wenn Sachen benachbart auf der Ackeroberfläche
gefunden werden, ist das für sich genommen noch kein Hinweis auf ihre Gleichaltrigkeit
und Zusammengehörigkeit. Die Feuersteinwerkzeuge waren zwar durch Vergleich mit anderen
datierten Fundplätzen zeitlich und kulturell bestimmbar, aber das außergewöhnliche
Kunstwerk konnte ja auch aus späterer Zeit stammen und beispielsweise einzeln verloren
worden sein.
Bei den dreiwöchigen Ausgrabungen im Juli und August 1996 nun
konnten nicht nur weitere wichtige Teile der Figur geborgen werden. Vielmehr war es
möglich, Einblicke in den kulturellen Zusammenhang zu gewinnen, die in dieser
Detailliertheit bei einem Oberflächenfundplatz fast undenkbar schienen. 1. Es lässt sich ein Lagerplatz mit Feuerstelle
rekonstruieren, der längere Zeit
bewohnt gewesen ist und zu dessen Hinterlassenschaften die Tierfigur zweifelsfrei gehört.
Die verschiedenen Formen der Steinwerkzeuge zeigen, dass vermutlich Tierhäute
verarbeitet, Gerät und Waffen aus Geweih, Knochen und Holz hergestellt und ausgebessert
wurden und Jagdbeute zubereitet wurde, wobei auch Fisch eine Rolle gespielt haben dürfte.
Das Fehlen jüngerer Funde auf immerhin 145 m2 sichert die
Zuordnung der Bernsteinfigur zum späteiszeitlichen Lagerplatz ab.2. Überraschenderweise wurden auch zwei begrenzte Ansammlungen von
Holzkohle und verbrannten Knochen beobachtet. Da die Knochenfragmente sich an der gleichen
Stelle wie die Steinartefakte häufen, gehören auch sie wohl zum Lagerplatz. Die
Zuordnung der Holzkohle wird erst nach der Holzartenbestimmung möglich sein. Sehr wichtig
ist, dass das Alter der organischen Bestandteile beider Fundkategorien auf das Jahrhundert
genau bestimmbar sein dürfte, und insofern auch begründete Hoffnung auf eine indirekte
Datierung der Bernsteinfigur besteht.
3. Aus den größeren Bruchstücken lassen sich
Rumpf, Hals und Hinterbeine des Tieres zusammensetzen. Hinter- und Vorderbeine sind so
durch ein spitzovales Stück Bernstein miteinander verbunden, dass der Tierkörper
ringartig geschlossen erscheint. Ob hierfür
technische Gründe maßgeblich waren, ob diese eigenartige Plastik symbolischen Charakter
trägt oder vielleicht auch eine praktische Funktion hatte, ist ungeklärt. Ein in Form
und Körperhaltung ähnliches Bernsteintier, ein Pferd, stammt aus Dobiegno/Woldenberg
(Polen), leider als Einzelfund zeitlich und kulturell unbestimmt. Die qualitätsvolle
Darstellung ist schematisch und ohne Modellierung des Tierkörpers, der wie ausgeschnitten
wirkt. Das Tier hält den Kopf nach vorne geneigt.
Die sorgfältig im Halbrelief herausgearbeiteten Ohren mit Muschel stehen stilistisch in
der Tradition einer älteren, nämlich der späteiszeitlichen Kunst der Steppenjäger. Die
Mähne ist mit einem sorgfältig eingravierten Rautenband wiedergegeben. Leider ist trotz
allem eine zweifelsfreie Bestimmung der Tierart noch immer nicht möglich, wenngleich viel
für eine Pferdedarstellung spricht. Diese Frage ist nur durch Kenntnis des Kopfes zu
beantworten, der bisher jedoch nur in Bruchstücken geborgen ist. Er ist wahrscheinlich
schon früher, wohl noch zu Zeiten der Waldjäger, beschädigt worden.
Durch den Fund des Bernsteintieres erscheint nun auch eine
Bernsteinperle in einem neuen Licht, die der Entdecker des Fundplatzes, Klaus Breest,
schon 1986 etwa 120 m südlich von der heutigen Grabungsstelle gefunden hat. Die
scheibenförmige Perle ist etwa 10 mm breit und zylindrisch durchbohrt. Da sie sich nach
den Ergebnissen der Prospektionen seit 1991 gleichfalls einem Lagerplatz der
Federmesser-Gruppen zuordnen lässt, zählt sie heute zu den ganz seltenen
Schmuckgegenständen, die überhaupt aus dieser Kultur bekannt sind. Die weit verbreiteten Federmesser-Gruppen sind
höchstwahrscheinlich die Antwort des Menschen auf eine ökologische Umwälzung höchsten
Ausmaßes, nämlich eine Anpassung späteiszeitlicher Steppenjägerkulturen an die am Ende
der Eiszeit entstehende Waldlandschaft mit andersartiger Tierwelt. Bei den wenigen künstlerischen Äußerungen handelt es sich fast ausschließlich
um abstrakt-geometrische, auf Steingerölle gemalte oder gravierte Muster. Konkrete
Darstellungen von Mensch und Tier sind sehr selten. In ihrer "Armut" an
figürlichen Darstellungen unterscheiden sich die Federmesser-Gruppen insofern deutlich
von den kunstfreudigen Vorgängerkulturen der Steppenjäger Europas, die Höhlen wie
Altamira in Spanien oder Ignatievka im Ural mit Bildern ausgemalt haben.Das qualitätsvolle Bernsteintier von Weitsche lässt nun solche
Schlussfolgerungen in einem etwas anderen Licht erscheinen, dokumentiert es doch,
dass
hochwertige Kunstäußerungen im Leben der frühen Waldjäger weiterhin eine Rolle
spielten. Vielleicht erscheinen sie deshalb sehr selten, weil die frühen Waldjäger
andere Materialien wie Holz für ihre Bilder verwendet haben, die sich kaum im Boden
erhalten konnten.
Die Figur von Weitsche schlägt
andererseits zeitlich eine Brücke zu einigen Bernsteintieren aus
Dänemark und Polen, die in die Mittelsteinzeit gehören und
bislang unvermittelt, ohne Vorläufer, aufzutreten schienen.
Die unentgeltliche Mitarbeit von Mitgliedern der Fördervereine der
Urgeschichtsabteilung, darunter der Entdecker des Fundplatzes Klaus Breest, hat
maßgeblich zum bisherigen Erfolg der Untersuchungen beigetragen. An sie alle geht der
Dank der Urgeschichts-Abteilung. Im Sommer 1997 soll versucht werden, auch noch den Kopf
des Tieres zu finden. Denn wie bei jedem Kunstgegenstand, ganz besonders aber im Fall
einer beispiellosen Arbeit wie dem Weitscher Tier, ist ästhetische Wirkung und
Aussagekraft durch Fehlen wesentlicher Teile in letztlich nicht quantifizierbarem Umfang
eingeschränkt.
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