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Wenn heute noch
vielfach behauptet wird, die "Vorgeschichte" sei in der
Hitlerzeit belastet worden, so ist das nur dann richtig,
wenn man die Ära Reinerth damit meint, die für unsere
Wissenschaft bewußt den Ausdruck "Vorgeschichte" statt des
logischen "Urgeschichte" gebrauchte. Der Ausdruck
"Vorgeschichte" geht auf eine unrichtige Begriffsbestimmung
der "Geschichte" zurück, denn der Standpunkt Rankes, wonach
die Geschichte erst mit der Geschichtsschreibung beginnt,
ist längst überholt, und Ratzels Ansicht hat sich
durchgesetzt: "Geschichte ist Handlung - wie wenig bedeutet
daneben das Schreiben oder Nichtschreiben, wie ganz
nebensächlich ist neben der Tat des Wirkens und Schaffens
das Wort ihrer Beschreibung!" Es gibt also keine Zeit vor
dem Geschehen, vor dem Handeln der Menschheit, sondern nur
einen ältesten Abschnitt in der menschlichen Geschichte, das
ist eben Urgeschichte. Aber aus Angst, unsere Wissenschaft
könnte innerhalb der Geschichtsforschung nicht als
selbständiges Fach anerkannt werden (als ob die "Alte
Geschichte" nicht auch ein selbständiges Fach wäre), wurde
nur der Ausdruck "Vorgeschichte" amtlich zugelassen, ja, er
wurde befohlen! So überlassen wir gern die "Vorgeschichte"
der Ära Reinerth, und die erste Versammlung
nordwestdeutscher Fachgenossen nach 1945 beschloß
einstimmig, nur noch von "Urgeschichte" zu sprechen.
Hoffentlich setzt sich diese Maßnahme allgemein durch!
Besonders von
der philologisch-archäologischen Seite war seit langem eine
eigene hochstehende, germanische Kultur geleugnet worden.
Alle "besseren" Kulturgüter sollen von irgend einem fremden
Volk zu uns eingeführt worden sein. Erst waren die Kelten
die Allerweltskulturbringer, dann die Phönizier und
schließlich die Etrusker und die Römer. Von der ernsten
Forschung, vor allem unter skandinavischer Führung - hierbei
war Sophus Müllers in Deutschland weitverbreitete und
inzwischen klassisch gewordene "Nordische Altertumskunde"
vom Jahre 1897 richtunggebend - waren diese primitiven
Ansichten längst widerlegt. Da mußte es natürlich wie ein
Keulenschlag wirken, als noch 1935 ein hoher kirchlicher
Würdenträger die Germanen als "sprichwörtlich faul"
bezeichnete, ihnen jede kulturelle Höhe absprach und
erklärte, erst "durch das Christentum wurden die Germanen
Kulturvolk. Die Mönche des heiligen Benedikt lehrten unsere
Vorfahren Ackerbau und Handwerk."
Wie bei allen
Wissenschaften, die in weiten Kreisen Interesse gefunden
haben, sehen wir auch bei der Urgeschichte Übertreibungen
nach allen Seiten, sei es durch "Hellseher" oder durch
"Dunkelmänner", aber es gibt nur eine Weg vorwärts zu
kommen, den der Freiheit und der Wahrheit der Forschung, und
so kann ich als Ziel unserer "Kunde" nur den Satz
wiederholen, den ich 1928 in meinen "Grundfragen" aussprach:
"Wir Deutschen dürfen mit vollem Recht stolz sein auf die
Kultur unserer Vorfahren, müssen uns aber hüten, durch
Schwärmerei in Unwissenschaftlichkeit zu verfallen."
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