.


Archäologie -
nostalgisch (?)

 

Home
Landesmuseum
Arbeitskreis Steinzeit
Publikationen
Landesverein
Freundeskreis
Termin-Kurzübersicht
Links
Sitemap
.
Home > Publikationen > Archäologie nostalgisch (?)

 

Die Kunde Neue Folge Heft 1 u. 2 - Jahrgang 1950

Wissenschaft und Weltanschauung in der Urgeschichtsforschung

.

- 4 -

Wenn heute noch vielfach behauptet wird, die "Vorgeschichte" sei in der Hitlerzeit belastet worden, so ist das nur dann richtig, wenn man die Ära Reinerth damit meint, die für unsere Wissenschaft bewußt den Ausdruck "Vorgeschichte" statt des logischen "Urgeschichte" gebrauchte. Der Ausdruck "Vorgeschichte" geht auf eine unrichtige Begriffsbestimmung der "Geschichte" zurück, denn der Standpunkt Rankes, wonach die Geschichte erst mit der Geschichtsschreibung beginnt, ist längst überholt, und Ratzels Ansicht hat sich durchgesetzt: "Geschichte ist Handlung - wie wenig bedeutet daneben das Schreiben oder Nichtschreiben, wie ganz nebensächlich ist neben der Tat des Wirkens und Schaffens das Wort ihrer Beschreibung!" Es gibt also keine Zeit vor dem Geschehen, vor dem Handeln der Menschheit, sondern nur einen ältesten Abschnitt in der menschlichen Geschichte, das ist eben Urgeschichte. Aber aus Angst, unsere Wissenschaft könnte innerhalb der Geschichtsforschung nicht als selbständiges Fach anerkannt werden (als ob die "Alte Geschichte" nicht auch ein selbständiges Fach wäre), wurde nur der Ausdruck "Vorgeschichte" amtlich zugelassen, ja, er wurde befohlen! So überlassen wir gern die "Vorgeschichte" der Ära Reinerth, und die erste Versammlung nordwestdeutscher Fachgenossen nach 1945 beschloß einstimmig, nur noch von "Urgeschichte" zu sprechen. Hoffentlich setzt sich diese Maßnahme allgemein durch!

Besonders von der philologisch-archäologischen Seite war seit langem eine eigene hochstehende, germanische Kultur geleugnet worden. Alle "besseren" Kulturgüter sollen von irgend einem fremden Volk zu uns eingeführt worden sein. Erst waren die Kelten die Allerweltskulturbringer, dann die Phönizier und schließlich die Etrusker und die Römer. Von der ernsten Forschung, vor allem unter skandinavischer Führung - hierbei war Sophus Müllers in Deutschland weitverbreitete und inzwischen klassisch gewordene "Nordische Altertumskunde" vom Jahre 1897 richtunggebend - waren diese primitiven Ansichten längst widerlegt. Da mußte es natürlich wie ein Keulenschlag wirken, als noch 1935 ein hoher kirchlicher Würdenträger die Germanen als "sprichwörtlich faul" bezeichnete, ihnen jede kulturelle Höhe absprach und erklärte, erst "durch das Christentum wurden die Germanen Kulturvolk. Die Mönche des heiligen Benedikt lehrten unsere Vorfahren Ackerbau und Handwerk."

Wie bei allen Wissenschaften, die in weiten Kreisen Interesse gefunden haben, sehen wir auch bei der Urgeschichte Übertreibungen nach allen Seiten, sei es durch "Hellseher" oder durch "Dunkelmänner", aber es gibt nur eine Weg vorwärts zu kommen, den der Freiheit und der Wahrheit der Forschung, und so kann ich als Ziel unserer "Kunde" nur den Satz wiederholen, den ich 1928 in meinen "Grundfragen" aussprach: "Wir Deutschen dürfen mit vollem Recht stolz sein auf die Kultur unserer Vorfahren, müssen uns aber hüten, durch Schwärmerei in Unwissenschaftlichkeit zu verfallen."